Sonntag, 2. Januar 2011

Erdrutsch in der Piratenbucht



Es war ein bitteres Gefühl am Morgen nach Svenjas Rückflug aufzuwachen und plötzlich niemanden mehr da zu wissen, mit dem man alles teilen kann, mit dem man lachen kann und mit dem zusammen man die täglichen Herausforderungen einer Reise bewältigen kann. Ich seilte mich an diesem Tag ab und bummelte gedankenverloren und sentimental durch die lebendigen Straßen von Panama City. Doch so sehr ich auch die gemeinsame Reisezeit vermissen würde, ich musste mich lansam mit dem Gedanken anfreunden, von nun an auf eigene Faust zu reisen.

Der Aufbruch ins Alleinereisen war stürmisch. Bevor stand der mit Abstand umständlichste und schwierigste Abschnitt des "Roadtrip Panamericana". Da nämlich die Verbindung zwischen Panama und Kolumbien aufgrund der Guerillaaktivitäten auf dem Landweg nur unter Einsatz von Leib und Leben möglich ist, sind die einzigen anderen Optionen Fliegen oder die Reise per Boot. Für einen einen anständigen Roadtrip war der Luftweg natürlich ausgeschlossen, blieb also nur die Wasserstraße zwischen Panama City und Cartagena - 5 Tage auf einem Segelboot!

Ich kontaktierte bereits Tage zuvor den Kapitän der "Melody", eines der wenigen Schifflein, die zu dieser unruhigen Jahreszeit diese Strecke auf rauher See überhaupt noch in Angriff nahmen. Ich hatte also meinen Platz gesichert, hatte ansonsten aber herzlich wenige Informationen. In der vorletzten Nacht vor der Abreise rief mich der Kapitän dann unverhofft im Hostel an und fragte, wo wir denn alle seien? Ich war verwirrt. Wo sollten wir denn sein? Und wer ist überhaupt wir?

Es stellte sich heraus, dass Carlos, der Kapitän, die Pässe aller Passagiere allerspätestens am nächsten Morgen bis 9 Uhr im 2 Stunden entfernten Portobello in Empfang nehmen musste, um die Ausreisestempel und allen möglichen anderen Papierkram zu erledigen. Ich fand mich plötzlich und ungewollt in der Rolle des Verantwortlichen dafür, dass sich alle Beteiligten bis dahin vor Ort einfinden würden. Die gute Nachricht war, dass alle Mitreisenden bei uns im Hostel wohnten, die schlechte, dass fast allesamt ausgeflogen waren, um sich in der Partylandschaft Panama Citys auszutoben. Entsprechend war es ein ganz besonderes Vergnügen und geradezu unmögliches Unterfangen, 6 völlig betrunkene Backpacker nach einer Stunde Schlaf um 6 Uhr morgens aus ihren Betten zu reißen und ihnen klar zu machen, dass wir quasi bald alle im selben Boot sitzen würden und wir deshalb jetzt und sofort aufbrechen müssten. Gott sei Dank gab es noch Stacey, eine krisenerprobte Australierin, die wie ich gut ausgeschlafen war. Wir beide schoben den unbrauchbaren Rest des Passagierhaufens durch alle möglichen Busse und Taxis, bis wir schließlich und endlich in Portobello ankamen und dem Kapitän unsere Unterlagen überreichten.

So viel zum spaßigen Teil dieses Tages. Das genaue Gegenteil von Spaß erwartete uns jedoch nur kurze Zeit später. Eigentlich ist Portobello ein richtig schönes und entspantes Dörflein in einer wahrhaftigen Piratenbucht. Überall stehen die Befestigungen und Kanonen aus Tagen, in denen noch erbitterte Kämpfe um Gold und andere Reichtümer ausgetragen wurden. Auf dem Aussichtpunkt konnte man es sich bildlich vorstellen, wie plötzlich ein großes Piratenschiff in die Bucht einbog und die Kanonen donnerten und Musketen krachten.

Das alles war jedoch überschattet von den furchtbaren Erdrutschen, die sich vor ein paar Tagen hier ereignet hatten. Die Hauptstraße wurde direkt am Ortseingang samt anliegenden Häusern von zwei gewaltigen Schlammlawinen weggerissen. Die Bilanz: 8 Tote!
Die Tragweite des Unglücks war erdrückend und die Stimmung im Ort und auch unter uns auf dem Nullpunkt. Es war das Thema, das alles beherrschte, und das Gesicht des Unglücks war erschreckend. Es war nicht zu vermeiden den Unglücksort und die ganze Tragödie mit eigenen Augen zu sehen, denn schließlich war er direkt und unmittelbar da - grausame Eindrücke, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen werden. Am Nachmittag fand die Beerdigung statt, und es schien als ob die ganze Region angereist war um Anteil daran zu nehmen. Auch Fernsehsender und Politiker waren vor Ort. Wir auch. Ein trauriger Tag.











































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