Sonntag, 16. Januar 2011

Neujahrskrieg



"Wir empfehlen dringlich, diese Route nicht nachts zu bereisen, da Busüberfälle keine Seltenheit sind!" Der Reisehinweis am schwarzen Brett meines Hostels war zugegebenermaßen etwas beunruhigend. Ich befolgte ihn und nahm die Strecke durchs Grenzgebiet der kolumbianischen Anden tagsüber in Angriff. Schließlich will man das Unglück nicht heraufbeschwören in einem Gebiet, welches nach wie vor von Guerillatruppen und der Regierungsarmee umkämpft ist. Es wäre aber ohnehin ein Unding gewesen, diese spektakuläre Landschaft nicht bei Tageslicht zu sehen. Die 8-stündige Fahrt, die auschließlich aus Kurven bestand, schlängelte sich durch grandiose Schluchten und eine faszinierende und aussichtsreiche Bergwelt der Anden. Viele der kolumbianischen Mitreisenden konnten meine Begeisterung allerdings nur bedingt teilen. Sie hatten nämlich noch keine 10000 Kilometer Busfahrten und stürmische Bootstouren hinter sich, waren also nicht ganz so kurvenresistent wie ich und verbrachten daher einen beachtlichen Teil der Reisezeit kopfüber in den kleinen schwarzen Brechtüten, die der Busfahrer bereit hielt.

Angekommen in Pasto, bezog ich ein ungewohnt großzügiges Hostelzimmer. Zwei Doppelbetten für mich alleine, heiße Duschen und zu meiner Freude gehörte sogar ein Satelitten Fernseher zur Ausstattung. Dieser servierte mir bis spät in die Nacht den guten alten "Titanic" Schinken - auf Englisch!

Der letzte Dezembertag startete furios. Ich war unterwegs, um mir ein herzhaftes Früstück zu organisieren, als ich mich plötzlich und zu dieser Jahreszeit ungewohnt inmitten eines Karnevalumzugs wiederfand. Die drei Unterschiede zum Karneval zuhause: 1. Die großen Umzugswägen werden nicht von Traktoren sondern von Menschen gezogen bzw. geschoben. 2. Die Zuschauer besprühen sich mit Schaum anstatt mit Konfetti. 3. Um 15 Uhr sind die meisten Besucher noch immer nüchtern.

Der Umzug war ein hervorragender Auftakt zu dem bevorstehenden Sprung ins neue Jahr. Die gute Nachricht war, dass ich heute Silvester gleich zwei mal feiern durfte. Die erste Feier begann um 17 Uhr mit einer Live Schaltung per Skype. Svenja hatte extra ihren Laptop zu der Partygesellschaft mitgebracht, die in Freiburg die letzten Stunden des alten Jahr feuerte. Ich war vorbereitet und hatte mir ein Six-Pack Bier gekauft, um nicht auf dem trockenen zu sitzen, während zuhause feuchtfröhlich angeprostet wurde. Es war großartig und ich war unheimlich glücklich, alle meine Freunde zu sehen und hautnah dabei sein zu können wie in Freiburg 2010 verabschiedet und 2011 willkommen geheißen wurde. Als es so weit war wurde der Laptop mit meiner digitalen Anwesenheit unter allen Partygästen herumgereicht und ich konnte jedem persönlich ein gutes neues Jahr wünschen. 9558 Kilometer weit entfernt und trotzdem mitten drin und voll dabei. Ein schöneres erstes Silvester hätte ich mir an diesem Tag nicht vorstellen können.

Das zweite Silvesterfest hätte ich beinahe verpasst. Denn hier schoss und sprühte das gewaltige Feuerwerk bereits um 23 Uhr über den nächtlichen Andenhimmel. Doch die Aufregung war umsonst, denn das Feuerwek sollte nur das Vorspiel sein für den eigentlichen Höhepunkt hierzulande: "La Quema de Muñecos" - das Verbrennen der Puppen. Schon Tage zuvor werden überall die lebensgroßen Puppen zum Verkauf angeboten und in den wildesten Kostümen zur Schau gestellt. Kurz vor Mitternacht schleppen die Eigentümer ihre Puppen dann vor die Haustür, stopfen reichlich Silvesterböller in ihre Körper, überschütten sie mit Benzin und setzen sie in Brand.



Die ersten "Kremationen" verfolgte ich von meinem Zimmerfenster aus und war erstaunt, wie feuergewaltig das Spektakel war und vor allem wie unfassbar laut die Detonationen der Böller durch die Gassen krachten. Irgendwann machte ich mich selbst auf ins Geschehen. Auf den Straßen herrschten kriegsähnliche Zustände. Sirenengehäul und überall loderten, fackelten und explodierten die Feuerhaufen. Die Straßen lagen in Flammen. Besonders ungeheuerlich und fast schon zu real empfand ich den Anblick der Puppenhände und -füße, die teilweise seitlich aus den Feuern herausragten. Das alles war wie ein unwirklicher Spuk der genauso schnell wieder vorbei war, wie er gekommen war. Denn gegen halb eins hatte es sich ausgebrannt und die Straßen waren im wahrsten Sinne des Wortes wie leergefegt. Was blieb war Asche und Rauch. Ich blieb nicht und machte mich zurück ins Hostel, wo ich zum Ausklang eines ereignisreichen Jahres und in gespannter Vorfreude auf ein ebenso ereignisreiches neues Jahr ein letztes Bier trank.


Fun Facts:
  • Der Tradition nach stecken die Menschen kleine Zettel in die Hosentaschen der Muñecos, auf denen steht, was man alles im alten Jahr bereut hat. Diese Zettel gehen dann mitsamt den Puppen in Flammen auf und auf diese Weise wird das alte Jahr verabschiedet und Platz gemacht für das neue.
  • Überall in den Einkaufsstraßen stehen Leute mit Neonwesten und einem Stall voller Handys in der Hand. Von ihnen kann man dann Telefonminuten in die unterschiedlichen Anbieternetze zum Einheitspreise von 500 pesos pro Minute abkaufen.
  • vor jedem Shop steht ein Typ mit Lautsprecher und Verstärker und promoted lautstark seine aktuellen Angebote. Der Geräuschpegel in der Einkaufsstraße ist entsprechend unerträglich.

Checkliste:
  • an einem Tag zwei Mal Neujahr gefeiert
  • durchs Flammenmeer gelaufen




























































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