Sonntag, 9. Januar 2011

Todeszone Toilette



Das Paradies war teuer erkauft! Der Preis kam in Gestalt der zweitägigen Rückreise aufs kolumbianische Festland. Es war Horror in seiner reinsten Form. Selbst der Kapitän gestand im Nachhinein, dass er den Trip niemals gemacht hätte, wenn er nicht an Weihnachten zu seiner Frau in Caratagena gewollt hätte.

In aller Früh ging es morgens los. Wir machten das Boot startklar für die bevorstehende Fahrt nach Cartagena und mussten alle unsere Dinge gut verstauen und alles so befestigen, dass nichts umfallen konnte. Der Kapitän warnte uns, dass es sehr rauh werden würde und die Nacht eng, da es unmöglich sei, unter diesen Bedinungen draußen zu Schlafen, geschweige denn irgendwelche Hängematten aufzuhängen. Wir waren einmal mehr eingeschüchtert und schmissen uns, einer nach dem anderen, vorsorglich die Tabletten ein, die uns auf dem Hinweg schon so gute Dienste erwiesen hatten. Doch dieses Mal blieb die Wirkung aus. War ich immun geworden? Neben mir kotzte Troy die Cornflakes ins Meer. Offensichtlich ging es den anderen auch nicht besser. Nein, ich war nicht immun. Doch gegen diesen harten Seegang halfen nicht einmal mehr unsere Wunderpillen, die andernorts in der Lage waren, ein ganzes Ross umzuhauen. Mir war sterbensschlecht. Und an diesem Zustand sollte sich leider auch nicht mehr viel ändern in den nächsten 36 Stunden. In dieser Zeit bewegte ich mich ungelogen nur ein einziges Mal von meinem Fleck. Doch dazu später. Der Tag wollte nicht vorübergehen und Stunde um Stunde schleppte sich in schwindelerregendem Wellengang da hin. Ich konnte den ganzen Tag nichts essen. Auch das Abendessen fiel aus. Ganz abgesehen davon, dass es sowieso unmöglich gewesen wäre irgendetwas zuzubereiten hatte ohnehin niemand Appetit.

Die Nacht war das hässlichste. Ich war todmüde, wollte aber auf keinen Fall meinen Blick vom Horizont abwenden, dem einzigen ruhenden Pol in dieser unsäglichen Riesenschaukel. Nach links, nach rechts, nach oben, nach unten - und alles zur gleichen Zeit. Unaufhörlich und heftig wippte unser schwimmender Sarg über die unbarmherzigen Wellen. Die Segel hart am Wind, hatte unser Boot eine seitliche Neigung von gefühlten 45 Grad. Ich war regelrecht eingestaucht in einer kleinen Nische im Heckteil des Bootes. In regelmäßigen Abständen schwappte ein ordentlicher Schwall Wasser auf meine Hose und verhinderte den Schlaf, den ich ohnehin nie gehabt hätte. Immerhin hatte ich einen Platz im Freien und an der frischen Luft - alles andere wäre auch unvorstellbar für mich gewesen. Ich weiß bis heute nicht, wie die beiden Kolumbianerinnen den Trip überleben konnten. Sie waren die ganzen beiden Tage unter Deck am dunkelsten Ort des Bootes und gaben keinen Ton von sich.

Dann kam das Unvermeidbare. Ich hatte versucht den Gang zur Toilette mit allen Mitteln zu verhindern. Bis um 4 Uhr morgens war es mir gelungen, ihn herauszuzögern, doch es wurde davon nicht besser. Es half alles nichts, ich musste allernötigst ein großes Geschäft verrichten. Langsam versuchte ich aufzustehen, ohne den Blick vom Horizont zu lösen. So weit so gut. Der schwierige Teil begann mit dem Gang unter Deck. Dort lagen in pechschwarzer Umgebung die Leichen meiner Mitreisenden, über die ich irgendwie hinüberzuklettern versuchte. Die gottlose Schräglage und die ruppigen Auf- und Abbewegungen des Bootes waren dabei nicht von Hilfe. Genausowenig wie die Finsternis dort unten. Irgendwann hatte ich es dann geschafft und war im muffigen Vorderteil des Schiffes angelangt. Dort wusste ich immerhin, wo eine Lampe lag. Mir war schlecht. Ich hangelte mich zum Ort des geplanten Geschehens und nahm die nächste Herausforderung in Angriff - den eigentlichen Toilettengang. Luken auf, hinsetzen, festhalten, abstützen, festklammern, Hau Ruck. Ich spare mir an dieser Stelle alle weiteren Ausführungen. Es ging zwar alles gut, aber fest steht, dass die Mission "große Geschäfte" ein Abenteuer der ganz speziellen Art war und ich es nur ungern noch einmal wiederholen möchte.

Der Morgen nach der durchquälten Nacht fühlte sich gleich ganz anders an. Die See hatte sich ein wenig beruhigt, die Sonne schien und wir alle wussten, dass wir heute Abend wieder festen Boden unter den Füßen haben würden. Die größte Belohnung für unsere Strapazen gab es allerdings, als plötzlich ein gutes Dutzend Delphine neben uns herschwamm. Beinahe eine Stunde lang spielten sie mit Boot und Wellen und demonstrierten uns in unzähligen Sprüngen ihre Akrobatik. Wir waren aus dem Häuschen und beobachteten jede Sekunde des Schauspiels, bevor sich die meisten von uns für den Rest des Tages wieder mit Tabletten betäubten.



Am Abend dann die Erlösung. Land in Sicht! Von weitem sahen wir bereits die weißen Hochhäuser von Cartagena am Horizont aufblinken. Wir hatten es geschafft und waren tatsächlich nur noch einen Steinwurf von Südamerika entfernt. Die Stimmung während der letzten Stunde an Bord war großartig. Die See war mittlerweile friedlich geworden und zum Sonnenuntergang krochen alle aus ihren Löchern und verteilten sich an Deck. Ich suchte wieder meinen Lieblingsplatz ganz vorne auf der Relingsspitze auf und lauschte meiner Reisemusik, während wir der kolumbischen Küste entgegenstürmten. Es war ein triumphales Gefühl, als wir schließlich an der nächtlichen Skyline von Cartagena vorbeischipperten. Wir alle gratulierten uns und schlugen ein auf die überstandene Überfahrt. Der Kapitän brachte uns sicher an Land. Wir verabschiedeten uns herzlich und zogen weiter in die Altstadt, wo wir uns allesamt in einem Hostel einquartierten. Nur der Kapitän ging wieder zurück an Bord. Es war sein zuhause.

Fun Facts:
  • Nachts musste jeder von uns eine Schicht der Nachtwache übernehmen und die Augen offen halten nach Lichtern am Horizont. Im schlimmsten Fall wird man nämlich von einem großen Tankschiff übersehen und überfahren.
  • In der Bucht vor Cartagena kommt es teilweise immer noch zu Piratenüberfällen. Kapitän Marcos war hier selbst auch schon einmal in einer brenzligen Situation, war aber glücklicherweise bewaffnet und konnte die Piraten abschrecken. Er sagt, jeder der öfter durch diese Gewässer fährt sei zum eigenen Schutz bewaffnet.
Checkliste:
  • überlebt
























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